Morgenland und Abendland: Das ist ein uraltes Begriffspaar innerhalb unseres europäischen Selbstverständnisses. Doch hat es im Lauf der Jahrhunderte einen gewaltigen Wandel gegeben: War früher klar, dass alles Helle, Gute und Erleuchtete aus dem Osten kam („Ex oriente lux“), hat diese geographische Zuordnung deutlich an Überzeugungskraft verloren.
Der Westen wiederum war über lange Zeit verknüpft mit dem Verständnis von Dunkelheit, Barbarei und dem Sturz in den Atlantik, jenem Ort, wo die bewohnbare Welt aufhörte. Wenn in der Zeit der frühen Kirche Erwachsene die Taufe empfingen, dann wendeten sie sich zunächst nach Westen, zur Finsternis („finis terrae“ = Ende der Welt) und schworen dem Bösen und allen dunklen Mächten ab; dann drehten sie sich um in die Richtung der aufgehenden Sonne und bekannten ihren Glauben an den dreifaltigen Gott. Der Osten wurde neben der bloßen Himmelsrichtung in einem theologischen Sinn verstanden: als Ort des auferstandenen Christus, des österlichen Herrn.
An die eigenen Grenzen stoßen
Irgendwann vor vielleicht 500 bis 250 Jahren büßte der Orient seine Strahlkraft ein und der Westen entwickelte ein ganz eigenes Selbstbewusstsein und grenzte sich vom Morgenland ab. Das, was bisher ein klares Manko war, wurde nun zu einem vermeintlichen Plus: moderne Wissenschaft, koloniale Eroberung der Welt, Rechtsstaat und Marktwirtschaft. Aus diesen Quellen speist(e) sich das Selbstverständnis eines Westens, dem der Osten auf einmal mal als rückständig und antiquiert galt.
Am Beginn des 21. Jahrhunderts sieht aber auch der Westen, an welche Grenzen er seinerseits stößt: Dass mit Wissenschaft und Vernunft nicht alles ausgeschöpft ist, was uns Menschen ausmacht. Mit einem Kirchenvertreter und Denker, der gerade noch so in unser neues Jahrtausend hineinreicht, kann man sagen und sich die Forderung zu eigen machen: „Europa muss wieder mit beiden Lungenflügeln atmen“, um zu sich selbst zu kommen: mit West und Ost (Papst Johannes Paul II, 1920-2005).