Wenn der Alltag eng wird

veröffentlicht 27.06.2026 von Ursula Kadelka, Pfarrerin, Nieder-Gemünden, Ev. Dekanat Vogelsberg

Termine, Verpflichtungen und ständig neue Anforderungen: Pfarrerin Ursula Kadelka erzählt, wie sie ihren persönlichen „weiten Raum“ gefunden hat.

Liebe Leserinnen und Leser, „Du stellst meine Füße auf weiten Raum,“, so sagt der Psalmbeter. Das hätte ich gerne – die Weite. Und dann kommt der Alltag: Verpflichtungen, Beschleunigung, Arbeitsverdichtung, persönliche Aufgaben - die Generation über mir braucht Unterstützung, die Generation nach mir auch. Beide liebe ich und mache es gerne. Aber der Tag hat nur 24 Stunden. Wie soll das alles gehen? Ich hechele einfach hinterher bis mir die Puste ausgeht. Und da kommen sie dann, die vielen guten Ratschläge: Du musst auch mal Nein sagen; du musst Prioritäten setzen; du musst Sport machen. Dabei haben alle diese Sätze schon wieder diese Worte „du musst“. Schon wieder eine Aufforderung. Die Intention dieser Sätze ist natürlich, dass sie mir Entlastung schaffen sollen, aber irgendwie klappt es nicht. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Meine Füße dürfen über weiten Raum schlendern und sich umsehen oder tätig sein werden oder nichts tun oder sich beeilen oder einfach ausruhen. Je nach Entdeckung der Weite. 

Mein weiter Raum

Und ich durfte sie entdecken, diese Weite. Diese Weite habe ich durch eine Tätigkeit gelernt. Ich habe vor Jahren begonnen systematisch in der Woche immer Zeit nur für mich einzuplanen. Damit ich sie ernst nehme, verbinde ich die Zeit mit einem Projekt, das genug Gewicht hat, damit ich es nicht nach hinten schiebe. Ja, ich renoviere einen Altbau. Und ich erlaube es mir, dass für einen kurzen Augenblick alles andere zurücksteht. Ich streiche, verputze, zimmere, schraube, säge. Und das Verrückte ist, ich bete dabei. Ich kann meine Gedanken ordnen und mit Gott ins Gespräch kommen. Mein weiter Raum, in dem ich loslassen kann, in dem ich vertrauen und Kraft sammeln kann, mit Gott im Gespräch und einem Bohrer in der Hand. Bewusst, nur für mich. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Also, auf zum nächsten Raum.