Der Frühlingsbeginn am ersten Sonntag im März läutete einen Abschied ein – und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn als die Glocken der Walpurgiskirche am Nachmittag zum Gottesdienst einluden, sollte dort die Verabschiedung von Pfarrer Peter Remy aus seinem Amt feierlich begangen werden. Fünfunddreißig Jahre lang war Remy Stadtpfarrer in Alsfeld – man darf wohl durchaus von einer Ära sprechen, die nun zu Ende ging. Entsprechend voll waren die Sitzbänke in der Kirche, entsprechend festlich die Musik – dargeboten vom Evangelischen Posaunenchor unter der Leitung von Ulrich Beyenbach und an der Orgel von Dekanatskantor Simon Wahby -, entsprechend groß der Bahnhof: Von der Kirchenleitung gestaltete Pröpstin Henriette Crüwell (Rheinhessen und Nassauer Land) den Gottesdienst mit, das Dekanat war mit Dekanin Dr. Dorette Seibert und Präses Martin Reibeling vertreten; Weggefährten, Kirchenvorstände und Vertreter zahlreicher der Kirche verbundener Einrichtungen, Gäste aus der katholischen Pfarrei sowie Bürgermeister Stephan Paule nahmen an dem Gottesdienst und dem späteren Empfang teil. Der Kirchenvorstandsvorsitzende Lothar Nicolai sprach die Worte zur Begrüßung.
Der vom scheidenden Pfarrer Remy gut organisierte Ablauf geriet gleich zu Beginn schon ein wenig durcheinander: Eine Gruppe Kita-Kinder ließ es sich nicht nehmen, ihrem Pfarrer, der jahrzehntelang für sie zuständig gewesen war, ein berührendes musikalisches Dankeschön zu überbringen, das dieser sehr erfreut annahm. „Mit dir war oft der Himmel ganz nah“, sangen die Kinder für ihn und bewegten damit auch die Gäste. Danach eröffnete Remy seinen Abschiedsgottesdienst mit den Worten „Seid von Herzen gegrüßt“ – so warmherzig, wie der Nachmittag begonnen hatte, ging er also weiter. Ganz im Zeichen des Sonntages Reminiszere – Gedenken – stand der Gottesdienst, nicht nur weil ein Konfirmand diese Bezeichnung einst scherzhaft mit Pfarrer Remy (niszere) in Verbindung brachte, sondern weil das Gedenken, die Erinnerung einen breiten und vielschichten Platz im Leben und Wirken des Pfarrers einnehmen. „Gedenke des ganzen Weges, den dich der Herr, dein Gott, geführt hat“ war auch der Spruch, den Remy sich für seine Verabschiedung ausgesucht hatte. Wie in vielen Gottesdiensten all die Jahre zuvor gestaltete Dr. Christine Meinhardt-Remy, die Ehefrau des Pfarrers, die Liturgie mit.
In seiner Abschiedspredigt lud Pfarrer Remy dazu ein, sich an Gottes Barmherzigkeit und Güte zu erinnern, daran dass wir Menschen klein sind und nicht allen und allem gerecht werden müssen. Selbstbezogenheit zerstöre das soziale Miteinander, sowohl privat als auch in der Politik, soziale Intelligenz sei gefragt, um den Weg zum Du und zum Wir zu beschreiten. Dankbar blickte der Pfarrer auf seinen ganzen Weg, den er die letzten 35 Jahre gegangen ist. Viele Menschen und Begegnungen hätten diesen Weg bereichert, der nun mit Gott weiterführe.
Auch die Pröpstin griff in ihrer Ansprache den Wert des Gedenkens und Erinnerns auf: Beides sei wichtig, um die Zukunft zu gestalten. Sie würdige Remys Verdienste um die Kirchengemeinde über die Jahrzehnte bis hin zur Mitwirkung an der Gründung einer Gesamtkirchengemeinde im kommenden Jahr. Gemeinde sei für ihn dort, wo Menschen von- und miteinander lernten. In diesem Sinne habe Remy auch das Gedenken und die Ökumene in Alsfeld vorangetrieben. Besonders hob die Pröpstin den feinen Humor des Pfarrers hervor und sie lud ihn ein, Kirche als Freiraum zu begreifen, in dem Gott und die Menschen sich begegnen.
Als „vertraute Orientierungsperson“ schätzte Dekanin Dr. Dorette Seibert den scheidenden Pfarrer. Er habe für Stabilität gesorgt und mit seiner besonderen Art zu predigen die Menschen erreicht. Seine klare Haltung zur Verbindung von Christentum und Judentum habe er stets kundgetan und mit einem „Blick für das Ganze“ gewirkt. Das Pfarramt sei für ihn immer mehr als eine Aufgabe gewesen, so die Dekanin, die auch seiner Frau großen Dank aussprach.
Der Entpflichtung durch die Pröpstin assistieren die Pfarrer Theo Günther und Dr. Uwe Ritter, Dekanin Dr. Dorette Seibert und Birgit Zinßer vom Kirchenvorstand. Die Gäste dankten Pfarrer Peter Remy mit anhaltendem stehendem Applaus.
Dem Gottesdienst folgte ein Empfang im Tilemann-Schnabel-Haus. Dort eröffnete Lothar Nicolai noch einen kleinen Reigen an Grußworten. Der Kirchenvorsteher dankte Peter Remy für dessen Engagement als Pfarrer, aber auch im Kirchenvorstand, und würdigte Remys Verdienste in allen Arbeitsbereichen von der Seniorenarbeit über die Ökumene bis hin zur Seelsorge. Die Teamarbeit in der Alsfelder Dreiergruppe habe Remy auf ein neues Niveau gehoben, so Nicolai. Er sei ein „Meister des Wortes“ und habe stets ein persönliches und wertschätzendes Verhältnis zu den Angestellten gehabt. Nicht zuletzt hätten ihn die knapp elftausend Stufen des Walpurgisturms fitgehalten, die er in seiner Amtszeit allein zum Christkindwiegen gegangen ist, fügte Nicolai scherzhaft an. Mit zwei Segensliedern bereicherte der Kirchenchor unter der Leitung von Dekanatskantor Simon Wahby den Empfang, an dem der Pfarrer und seine Frau viele Geschenke und gute Wünsche entgegennehmen konnten. Den offiziellen Redeteil beendete Bürgermeister Stephan Paule. Der Rathauschef und der Stadtpfarrer haben mehr als das letzte Jahrzehnt gemeinsam gearbeitet – konstruktiv und vertrauensvoll auf allen Ebenen, die sie berührten: Kitas, Pogromgedenken, Christkindwiegen, Denkmalschutz. Remy sei ihm stets ein wichtiger Ratgeber gewesen – auch im Dissens, so Paule, der dem scheidenden Pfarrer für all das dankte.
Peter Remy fand auf jede Würdigung die passenden Worte und unterstrich abschließend die Bedeutung eines guten Miteinanders. So traurig ein Abschied auch ist, so glücklich zeigten sich die Gäste darüber, dass das Ehepaar Remy ihnen als Mitbürger erhalten bleibt, vielleicht auch ab und an wieder als Mitwirkende im Gottesdienst. Auf jeden Fall als Menschen, die hier ihre Wurzeln geschlagen haben und den anderen verbunden und zugewandt sind.