Bei Kerstin und Michael Gütgemann hat man den Eindruck, sie wären schon immer da gewesen, in Angersbach, Landenhausen und Rudlos: Das Pfarrerehepaar hat mit seiner Präsenz in den Gemeinden und im Dekanat, seiner Freude an Begegnungen und kreativen Gottesdiensten sowie seinem Engagement über den eigenen Kirchturm hinaus viele Akzente gesetzt. Dabei war ihr Start vor sechs Jahren – mitten in der Corona-Zeit – nicht leicht. Nun ziehen die beiden – 2020 aus Homberg/Efze in den Vogelsberg gekommen – weiter in Richtung Süden: Im Dekanat Vorderer Odenwald wird Michael Gütgemann am 1. Juni die Stelle des Dekans antreten, Kerstin Gütgemann wird als Gemeindepfarrerin in der Kirchengemeinde Lichtenberger Land anfangen.
Sie freuen sich darauf, noch einmal etwas Neues zu beginnen. Dass sie dies mit so gut wie sechzig Jahren tun, einem Alter, in dem viele andere Menschen es vielleicht schon locker ausklingen lassen, passt zu ihnen: Sie haben Energie und sie wollen etwas bewegen. Aus diesem Grund hat Michael Gütgemann sich auch um das Dekaneamt beworben: „Ich möchte stärker mitgestalten“, sagt der Theologe, der im ersten Beruf Amtsrat in der Verwaltung war, „denn es gibt große Herausforderungen in der Kirche und in den Gemeinden.“ Dass ihm das liegt – nicht nur wegen seiner beiden Berufe – konnte er an vielen Stellen ausprobieren, u.a. als Trägerratsvorsitzender der GüT, der „Gemeindeübergreifenden Kita-Trägerschaft“, die er gemeinsam mit der Dekanatsleitung vorangetrieben hat. Auch hier, im Dekanatssynodalvorstand (DSV), war der noch Neunundfünfzigjährige Mitglied.
Auch Kerstin Gütgemann hat neben ihrer Tätigkeit als Gemeindepfarrerin weitere Ämter auf Dekanatsebene übernommen; das prominenteste im ehrenamtlichen Vorstand des Beratungszentrums Vogelsberg als dessen Vorsitzende. „Ich habe eine stark diakonisch geprägte Biografie“, sagt die Sechzigjährige, die – vor ihrer Pfarrstelle in Angersbach und Landenhausen – u.a. Oberin des Kurhessischen Diakonissenhauses in Kassel war – ein Schwerpunkt, der sich durch viele Bereiche ihres Tuns in der Kirche zieht.
Wenn sie jetzt auf ihre Zeit in den inzwischen zweifach fusionierten Gemeinden Angersbach-Rudlos und Landenhausen (die beiden Gemeinden fusionierten zum 1.1.2025 und sind nun seit 1.1.2026 Teil der Gesamtkirchengemeinde Lauterbach-Wartenberg) blicken, dann stechen vor allem die zwangsweise entdeckten neuen digitalen Formate hervor: In der Coronazeit, in der jede Begegnung stark reglementiert war, kamen sie in Wartenberg an. und verloren keine Zeit damit, zu klagen, sondern machten sich ans Werk: Online-Andachten, selbst gedrehte Videos, Facebook, Instagram: Die beiden hinterlassen eine Fülle an Möglichkeiten, die nun der Gesamtkirchengemeinde zur Verfügung stehen. Damals wurde ihnen klar, dass die Menschen – auch die älteren – aufgeschlossen sind für neue Formate, und als die Zeiten wieder besser wurden, entwickelten Kerstin und Michael Gütgemann zusammen mit den Menschen in den Gemeinden die verschiedensten Gottesdienste: Wer schon einmal beim Krimi-Gottesdienst mitgerätselt oder beim Country-Gottesdienst mitgewippt hat, der weiß: Die Botschaft Jesu Christ kann auf vielen Wegen ihr Ziel finden. „Das Gute an dieser schwierigen Anfangszeit war, dass damit ohnehin klar war, dass es nicht einfach so weitergehen konnte, wie man es vor uns gewohnt war“, sagt Michael Gütgemann. Veränderung war also möglich. Mit dem Zukunftsprozess der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) wird Veränderung sogar überlebenswichtig – und auch diese vielen Einschnitte haben die Gütgemanns mitgetragen und sich dabei das Vertrauen und die Unterstützung der Gemeindeglieder erworben. „Wir haben mit den Menschen in Wartenberg stets gut und gerne zu tun gehabt“, versichern beide. Insbesondere die Kirchenvorsteher und viele andere Ehrenamtliche hätten gezeigt, dass sie bereit sind Verantwortung zu übernehmen, und dass sie es auch ohne Pfarrpersonen im Zentrum können. Viele der neuen Formate sind im Gespräch mit den Menschen entstanden: „Es wurde ein Feuer entfacht und weitergegeben.“ Und das längst nicht nur unter den älteren Gottesdienstbesuchern: „Die Idee des Kirmigottesdienstes kam von Jugendlichen, die bis heute mit dabei sind.“, freut sich der Pfarrer, „und Formate wie ‚Samstags um Sechs‘ oder die Adventsandacht haben die Gemeindeglieder gleich ohne uns gemacht: Sie sind sehr engagiert und autonom.“ Kerstin und Michael Gütgemann haben die Entwicklungen ihrer Dörfer, bis diese Teil im neuen Nachbarschaftsraum wurden, begleitet und auch dort – neben dem Mitgestalten der Veränderung –viel Schönes erlebet, etwa das Tauffest, das sie mit den Menschen im neuen Nachbarschaftsraum Lauterbach-Wartenberg gemeinsam am Schloss Eisenbach feierten. Wären da nicht die vielen Freundschaften und guten Beziehungen, die im ganzen Dekanat, besonders aber in Wartenberg entstanden sind, würde der Abschied sicher leichter fallen.
„Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht die Gemeinde als Gemeinschaft“, sagen sie – eine Idee, die trägt, wenn man sieht, was die Gemeinden für sich selbst an geistlichen Angeboten entwickeln. Von großer Bedeutung war für Kerstin und Michael Gütgemann auch die die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Sowohl die religionspädagogischen Aufgaben in den Kitas und der Grundschule machten insbesondere Kerstin Gütgemann große Freude, das Arbeiten mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden war für beide eine große Bereicherung. Das Pfarrerehepaar wird nicht müde zu erzählen; in jedem Satz wird deutlich, wie gerne sie hier waren, und wie viel sie mitgestaltet haben, z. B. die Bildung der Verwaltungskooperation, die nun für den Nachbarschaftsraum komplett in Lauterbach sitzt und die Begleitung des Pilotprojekts Verwaltungsleitung. Das Angersbacher Gemeindehaus ist damit außerhalb von Veranstaltungen leer; auch das Pfarrerehepaar wird bald seine letzten Ordner packen. Der Süden wartet; die beiden freuen sich drauf.
Pfarrerin Kerstin Gütgemann und Pfarrer Michael Gütgemann werden am Sonntag, 25.4., um 16 Uhr in der Evangelischen Kirche in Landenhausen verabschiedet.