Die Kuh vom Eis holen

veröffentlicht 17.01.2026 von Michael Gütgemann, Ev. Dekanat Vogelsberg

Viele hoffen auf den einen, der endlich auf den Tisch haut. Die Bibel erzählt eine andere Geschichte: von Mut, Vertrauen und Schritten durch unsicheres Gelände.

„Jetzt muss doch endlich mal jemand die Kuh vom Eis holen.“ Wir sagen das, wenn eine Situation festgefahren gefährlich, vielleicht sogar lebensbedrohlich ist. Wenn es so nicht weitergehen kann, aber niemand weiß, wie es anders werden soll. Viele empfinden heute genau so. Die Spannungen weltweit nehmen zu, Kriege dauern an, neue Krisen kommen hinzu. Worte verhärten sich, Fronten ziehen sich durch Orte und Familien. Und leise – oder auch ganz offen – wächst bei vielen der Wunsch: Es müsste doch jemand kommen, am Besten der starke Mann, der Einhalt gebietet. Einer, der auf den Tisch haut. Einer, der Ordnung schafft. Einer, der das Ganze stoppt. Mit Blick auf die Bibel fällt mir als starker Mann Mose ein. Der jüdische Mann, der am Hof des Pharao aufgewachsen ist. Die Geschichte von Mose am Schilfmeer erzählt aber bei genauerer Betrachtung nicht von einem starken Mann, der alles im Griff hat. Ganz im Gegenteil. Die Israeliten fliehen, hinter ihnen das Heer des Pharao, vor ihnen das Meer. Keine Auswege. Panik. Dann die Vorwürfe an den Anführer. „Wären wir doch in Ägypten geblieben!“ Man könnte auch sagen: „Früher war alles besser.“ Auch das klingt erschreckend vertraut. Und dann geschieht das Unerwartete: Mose handelt – aber nicht aus eigener Kraft. Er hebt seinen Stab, nicht um zu zaubern, sondern im Vertrauen. Gott selbst schafft einen Weg durch das Wasser. Die Kuh kommt vom Eis – aber nicht durch Gewalt, sondern durch einen Weg, den niemand für möglich gehalten hätte. Diese ist ein gutes Beispiel, Erlösung nicht nur von starken Gesten oder lauten Eingriffen zu erwarten. Gottes Wege sind oft unspektakulär: ein Schritt nach dem anderen, mitten durch die Angst hindurch. Kein Zaubertrick, sondern Vertrauen im Gehen. Vielleicht brauchen wir heute weniger den einen Retter und mehr den Mut, gemeinsam Schritte zu gehen, die Frieden ermöglichen: innehalten statt eskalieren, zuhören statt zuschlagen, Verantwortung übernehmen statt abwarten, dass es nun endlich mal einer für uns regelt. Gott teilt nicht jedes Meer auf Kommando. Aber er geht mit – auch dort, wo der Boden noch nass und unsicher ist. Die Kuh vom Eis holen heißt dann: hoffen gegen den Augenschein. Und darauf vertrauen, dass Gott Wege öffnen kann, wo wir nur noch den Untergang in den Fluten sehen. 

Ihr Pfarrer Michael Gütgemann, Nachbarschaftsraum Lauterbach-Wartenberg