Unter dem Thema „An(ge)kommen im Vogelsberg – Ein Blick aus der Praxis auf Migration und Integration vor Ort“ hatte das Evangelische Dekanat Vogelsberg nach Lauterbach-Maar zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Trotz des erneuten Wintereinbruchs Ende Februar waren knapp 35 Personen der Einladung gefolgt.
Ziel der Veranstaltung sei es, über den Prozess des Ankommens und des Angekommenseins im Vogelsberg ins Gespräch zu kommen, so Carolin Braatz, Referentin für Gesellschaftliche Verantwortung und eine der Moderatorinnen der Podiumsdiskussion. Das Thema Migration, das ihrer Beobachtung nach medial häufig polemisch genutzt werde, um die Gesellschaft zu spalten, solle anhand von echter Praxis und eigener Erfahrung auf sachlicher Ebene beleuchtet werden. Kirsten Wegwerth, die zweite Moderatorin des Abends, stellte die Podiumsgäste vor, die anschließend aus verschiedenen, beruflichen oder persönlichen Perspektiven über Migration und Gelingensfaktoren von Integration miteinander ins Gespräch kamen.
Verschiedene Perspektiven auf Migration und Integration
In einer ersten Runde waren die Podiumsgäste zunächst gebeten, je drei Begriffe zum Stichwort Integration zu nennen, bevor jeder einen knappen inhaltlichen Impuls zu der eigenen Perspektive aufs Thema einbrachte. Einen Blick aus Kreisverwaltung und Kommunen präsentierten Patrick Krug als 1. Kreisbeigeordneter und Bürgermeisterin Simke Ried aus Homberg (Ohm). Krug spannte einen Bogen der Situation und der zahlenmäßigen Entwicklung seit 2015, die zuletzt stark zurückgegangen sei, und betonte: „Einen Kontrollverlust hat es im Vogelsbergkreis nie gegeben.“ Ried machte deutlich, dass die Herausforderungen durch den Zuzug Geflüchteter für Kommunen im Vogelsberg durchaus gut zu bewältigen gewesen sei, wenn man sich entsprechend auf die Erfordernisse eingestellt habe. Kurzzeitig habe es Widerstand gegeben, als von Landkreis aus eine große Gruppenunterkunft in Homberg entstehen sollten. Nach Rücksprache sei die entsprechende Verantwortung allerdings in die Kommunen übergeben worden, die die Möglichkeiten vor Ort besser einschätzen konnten. So sei in Homberg darauf geachtet worden, wie man die Menschen aus den unterschiedlichen Herkunftsländern und familiären Situation auf die drei verfügbaren Unterkünfte aufteilt. Zudem habe die Stadt Homberg zwei Personen geringfügig beschäftigt, die über die vom Kreis bereitgestellten Personalstunden hinaus bei der Betreuung und Integration helfen. Lobend hervorgehoben wurde auch die Arbeit des Familienzentrums in Ober-Ofleiden. Hilfreich sei gewesen, auf eine schon vorhandene Struktur zurückgreifen zu können. Kleinere Kommunen müssten ggf. stärker in Netzwerken arbeiten.
Ralf Müller, Referent für Flüchtlingsarbeit der EKHN Nord und früherer Referent für Bildung und Ökumene des Ev. Dekanats, berichtete von den Entwicklungen und Kooperationen im Vogelsberg zwischen Zivilgesellschaft, kirchlichen Einrichtungen und Landkreis, die bereits 2011 zunächst in den Räumen der Caritas mit engagierten Einzelpersonen und unter Einbeziehung der Diakonie begonnen hatten. 2011 sei auf Vorschlag der Volkshochschule das bis heute existierende Selbstlernzentrum entstanden, zeitweise habe es 40 Sprachtandems zur Hilfe beim Erlernen der deutschen Sprache gegeben. 2013 sei die Flüchtlingsbegleiter-Ausbildung für Ehrenamtliche in enger inhaltlicher und organisatorischer Vernetzung mit dem Landkreis entstanden. Der Sprachmittler-Pool, der inzwischen beim Kreis angesiedelt ist, sei die Grundlage gewesen, auf der alle anderen Sprachmittler-Pools in Hessen entstanden seien. Während der Corona-Zeit sei das zivilgesellschaftliche Engagement allerdings zurückgegangen, Engagierte seien abwertend als „Gutmenschen“ bezeichnet worden.
Zahra Famarini, die 2017 aus dem Iran nach Deutschland gekommen war, brachte die Perspektive einer direkt von Flucht betroffenen Person ein und erzählte von Gelingensfaktoren, aber auch von Hürden im Prozess des Ankommens. Die Zeit als alleinstehende Frau in Gruppenunterkünften, zunächst in Gießen, dann im Vogelsbergkreis, in denen die Schlafräume stets unverschlossen waren, beschrieb sie als belastend. Sobald es die Sprachkenntnisse zugelassen haben, sei es ihr gelungen, Arbeit zu finden und eine eigene Wohnung zu finanzieren. Allerdings war sie zwischenzeitlich gezwungen, wieder auf staatlichen Unterhalt zurückzugreifen, da ihr Aufenthaltsstatus in Frage gestellt und ihr damit die Arbeitserlaubnis entzogen wurde. Ihr ehrenamtliches Engagement – u.a. als Sprachmittlerin, Mitglied im Kirchenvorstand und bei den Homberger Schlosspatrioten – habe sich positiv auf die Wiedererlangung ihrer Aufenthaltserlaubnis ausgewirkt. Kürzlich habe sie eine Ausbildung abgeschlossen. Für ein Studium in Deutschland wäre ein Sprachzertifikat auf C1-Niveau nötig – hier ist es nun nachteilig, dass sie sich früh um finanzielle Unabhängigkeit bemüht hat, anstatt zunächst weitere Sprachkurse zu belegen.
Friedhelm Walther, Schulleiter der Max-Eyth-Schule (MES) in Alsfeld, war zunächst gefragt, mögliche Wege im Schulsystem für Menschen darzustellen, die ohne oder mit wenigen Sprachkenntnissen nach Deutschland kommen. Abhängig von ihrem Alter absolvierten Jugendliche entweder zunächst Integrationsklassen und würden dann in die normalen Schulklassen eingegliedert, oder besuchten ab 16 Jahren sogenannte InteA-Klassen (Integration und Abschluss). Er wies auf die Vielfältigkeit des deutschen Schulsystems hin, so könnten beispielsweise an der MES 10 verschiedene Abschlüsse erzielt werden, je nach den individuellen Möglichkeiten. Entscheidend sei aber beidseitiger Integrationswille. Von schulischer Seite werde frühzeitig über Praktika eine Brücke in Unternehmen der Region geschlagen. Sowohl die MES in Alsfeld als auch die Vogelsbergschule in Lauterbach stellten sicher, dass die Jugendlichen im Vogelsberg gegenüber anderen Regionen nicht benachteiligte seien. Im Rahmen des Hessencampus sei es per Abendschule für erwachsene Absolventen der InteA-Klassen möglich, ihren Haupt- und Realschulabschluss zu erlangen.
Für die Caritas als eine der kirchlichen Organisation, die in der Beratung von Migrant/innen tätig ist, waren mit Andrea Hornisch (Jugendmigrationsdienst) und Kristina Zuev-Schwarz (Migrationsberatung für Erwachsene) gleich zwei Vertreterinnen vor Ort, die typische Beispiele und Erfahrungen aus ihrer Arbeit mitbrachten. Hornisch mahnte an, nicht zu unterschätzen, wie sehr junge Migranten fühlten, wenn sie ablehnt würden. Rassistische Zuschreibungen wie etwas „Russenmafia, die ihr schon ihr Berufsleben lang begegneten, mache es den Betroffenen zusätzlich schwer, sich zu integrieren.
Arbeitsmarkt und Bildung
Im Anschluss diskutierte das Podium angeregt über ausgewählte Themenbereiche. In Bezug auf Arbeitsmarkt und Bildung machte Famarini deutlich, dass aus ihrer Sicht Sprache der Schlüssel zu Teilhabe sei. Dass sie ohne Familie nach Deutschland gekommen ist, sei zumindest in Bezug auf den Spracherwerb ein Vorteil gewesen, da sie keine andere Wahl gehabt hätte, als auf Menschen zuzugehen und Deutsch zu sprechen. Müller hob die Rolle von Ehrenamtlichen bei der Hilfe beim Spracherwerb hervor, gab jedoch auch zu bedenken, dass Geflüchtete häufig mit zusätzlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hätte, weil sie etwa durch Sorge um die Familie oder mangelnde Ruhe in der Unterkunft nur wenig Konzentration zum Lernen hätten. Grundsätzliche Probleme wurden bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse benannt. So wurde zum Beispiel Famarinis Universitätsabschluss in IT aus dem Iran nicht anerkannt. Auch in Walther Berufsalltag sei dies ein schwieriges Thema: Wenn jemand etwa eine Fachoberschulreife machen wolle, sei die Zulassung ausschließlich von den nachweisbaren Abschlüssen abhängig, die Einschätzung der Schul-Community spiele hingegen keine Rolle. Deutlich anzumerken war Walter die Begeisterung für das Konzept der Ausbildung mit schulischem und betrieblichem Anteil, um das Deutschland von anderen Ländern beneidet werde. Allerdings: Häufig scheitere es daran, dass die Menschen die entsprechenden Möglichkeiten nicht durchschauten und sich stattdessen damit zufrieden gäben, ihren Lebensunterhalt durch gering bezahlte Gelegenheitsjobs zu verdienen. Müller ergänzte, dass es häufig für Geflüchtete wichtiger sei, Geld nach Hause zu schicken um die Familie zu unterstützen, anstatt Zeit in eine Ausbildung zu investieren. Zuev-Schwarz berichtete von ihren Erfahrungen, dass Menschen auch häufig wegen ihres Aufenthaltsrechts schnell in Arbeit kommen wollten, um nicht von Sozialleistungen abhängig zu sein, dadurch nicht aufzufallen und nicht abgeschoben werden. Spätestens beim Wunsch nach Einbürgerung stelle es dann aber ein großes Problem dar, wenn sie zugunsten früher Berufstätigkeit darauf verzichtet hätten, fortgeschrittene Sprachkenntnisse zu erwerben.
Auch seitens der Politik ist die Anerkennung von Abschlüssen ein Thema, bei dem Krug sich eine höhere Flexibilität und Abbau von Bürokratie wünscht. Er berichtete, dass viele Geflüchtete inzwischen in Arbeit seien, in allen Abstufungen vom Minijob über aufstockende Leistungen bis hin zum vollen Erwerb ihres Lebensunterhalts. Der Vogelsbergkreis profitiere von Zuwanderern, allerdings sei es kein Sprint, sondern eher ein Langstreckenlauf. Im Zeitraum von zwei bis drei Jahren entscheide sich, ob eine Integration in Arbeit langfristig geglückt sei. Ein Drittel der Bezieher von Bürgergeld habe keinen deutschen Pass. Migranten seien ein Querschnitt der Gesellschaft: auch unter ihnen gebe es manch einen, der nicht arbeiten will.
Wohnen
Mit dem Zuzug vieler Geflüchteter waren Kreis und Kommunen mehrfach vor die Aufgabe gestellt, kurzfristig Wohnraum zur Erstunterbringung zu schaffen. Aktuell seien noch 330 Personen im Vogelsberg in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht, so Krug. Aktuell wird dem Vogelsbergkreis monatliche nur eine geringe Zahl von Menschen zugewiesen. Ried berichtete, dass die Anzahl der Unterkünfte reduziert werden könne. Man habe aus der Vergangenheit gelernt, keine zu langen Laufzeiten zu vereinbaren, und sei nun in der Lage, Verträge auslaufen zu lassen. Kommunen seien aber angehalten sind, eine bestimmte Anzahl von Plätzen kurzfristig reaktivieren zu können, um im Bedarfsfall nicht von teuren Anbietern abhängig zu sein. Man arbeite dabei zusammen, sodass zunächst einige Kommunen bei Bedarf schnell Plätze zur Verfügung stellen könnten, mittelfristig aber die Aufgabe wieder auf alle Kommunen verteilt werde.
Vor besonderen Herausforderungen stehen Menschen mit ausländisch klingendem Namen auch dann, wenn sie eigenen Wohnraum suchen. Müller führte aus, dass hierbei Hilfe aus der Zivilgesellschaft hilfreich sein könne, wenn Geflüchtete bereits über Beziehungen verfügen und beispielsweise ein Erstkontakt zum Vermieter über Unterstützerinnen erfolge und begleitet werde.
Weitere Faktoren für gesellschaftliche Teilhabe aus Sicht der Geflüchteten
Abschließend wurde darum gebeten, aus Sicht Geflüchteter zu ergänzen, was über die eingangs genannten Aspekte von Integration hinaus wesentlich ist für gesellschaftliche Teilhabe. Famarini stellte sichtbar betroffen dar, dass kurz zuvor ihr Antrag auf Einbürgerung für ein Jahr zurückgestellt worden war, obwohl sie gesellschaftlich voll integriert und vielfach ehrenamtlich tätig sei, über einen längerfristigen legalen Aufenthaltsstatus verfüge und finanziell auf eigenen Beinen stehe. Hornisch ergriff das Wort für Kinder von Geflüchteten, die aufgrund der ungeklärten Identität der Eltern keine vollwertige Geburtsurkunde bekommen und denen damit in Zukunft viele Wege versperrt bleiben. Dabei handle es sich nicht um Fälle von weggeworfenen oder verlorenen Pässen, sondern beispielsweise um Eritreer mit Arbeitserlaubnis und Aufenthaltsrecht in Deutschland, denen der eritreische Staat nur mit einer Entschuldung und Zahlungen hoher Beträge Papiere ausstellen bereit wäre.
Resümee
Wesentliche Bestandteile von Integration seien Sprache und Arbeit als Ausdruck von Handlungsfähigkeit in gesellschaftlicher und finanzieller Sicht. Aber auch ein geklärter Aufenthaltsstatus und damit eine längerfristige Perspektive sei für die Betroffenen eine wichtige Grundlage dafür, angekommen zu sein, formulierte Carolin Braatz als knappes Resümee der gut zweistündigen Veranstaltung. Im Hinblick auf die gesellschaftlichen Akteure hielt sie fest, dass viele Menschen im Vogelsbergkreis eine sehr vielfältige Arbeit machten, einen großen Willen zeigten, Menschen gut zu integrieren und dabei stark vernetzt zusammenarbeiten.
Mit herzlichem Dank wurden Podiumsgäste und Publikum von den Moderatorinnen verabschiedet.
Im Anschluss an die Podiumsdiskussion bestand die Möglichkeit, die Ausstellung „Weit gereist“ anzuschauen, in der Menschen verschiedener Herkunftsländer mit ihrer persönlichen Geschichte und einem Gegenstand, der sie auf ihrer Reise begleitet hat, portraitiert sind. Die Ausstellung kann auch auf der Website der Caritas angeschaut sowie ausgeliehen werden.