„Die Vogelsberger machen es uns gerade sehr schwer zu gehen“, sagt Berroth mit einem Lächeln. „Wir haben hier nicht nur gewohnt, sondern mit vielen Menschen gemeinsam gelebt und gearbeitet.“ Tatsächlich wird ihre Verabschiedung weit mehr als ein Gottesdienst sein: Vereine, Ortsbeirat und Gemeindemitglieder gestalten gemeinsam ein großes Fest. Für die Pfarrerin ist das ein besonders bewegendes Zeichen und zugleich Ausdruck dessen, was ihre Zeit im Vogelsberg von Anfang an geprägt hat.
Als sie 2009 ihre erste Pfarrstelle in den Gemeinden Maar und Wernges antrat, überraschte sie vor allem die enge Verbindung zwischen Kirchengemeinden und Dorfleben. „Ich bin als Protestantin in einer katholisch geprägten Gegend aufgewachsen und habe daher keine Schnittmenge zwischen Dorf- und Kirchengemeinde erlebt. Dass Vereine und Kirchengemeinde hier so selbstverständlich zusammenarbeiten, habe ich damals gar nicht kommen sehen.“
Aus dieser Zusammenarbeit entstanden Gottesdienste, die bis heute vielen Menschen in Erinnerung geblieben sind: Jubiläumsgottesdienste mit Vereinen, Faschingsgottesdienste oder kreative Elemente, die Glauben und Alltag miteinander verbanden. Ihr Ziel sei stets gewesen, den Glauben mit dem konkreten Leben der Menschen zu verbinden.
Neben ihrer Gemeindearbeit übernahm sie Verantwortung auf Dekanatsebene. Nach dem krankheitsbedingten Ausfall des damaligen Dekans wurde sie zur kommissarischen Dekanin und begleitete später als stellvertretende Dekanin wichtige Veränderungsprozesse. Dazu gehörte insbesondere die Fusion der Dekanate Alsfeld und Vogelsberg. Auch die Organisation des Vogelsberger Kirchentages zum Reformationsjubiläum 2017 zählt zu den Höhepunkten ihrer Amtszeit.
Wer Luise Berroth begegnet, merkt schnell, dass sie sich nur ungern auf einzelne Schwerpunkte festlegen lässt. Sie sieht sich als Allrounderin und interessiert sich besonders für die Schnittstellen zwischen verschiedenen Lebensbereichen. Ob Körperwahrnehmung im Gottesdienst, Meditation, Persönlichkeitsbildung oder ökumenische Begegnungen. Immer wieder sucht sie nach Verbindungen zwischen Glauben und Leben.
Geprägt haben sie dabei auch internationale Erfahrungen in England, Kanada und China. Die Begegnung mit unterschiedlichen christlichen Traditionen habe ihren Blick auf Kirche erweitert und ihre Offenheit gestärkt. Besonders wichtig sei ihr das Zuhören geworden. Gerade durch die Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen habe sie erlebt, wie vielfältig Menschen ihren Glauben leben und ihre Aufgaben gestalten. „Ich habe oft gestaunt, was andere alles entwickeln und auf die Beine stellen.“
Mit Blick auf die Zukunft der Kirche bleibt sie trotz aller Herausforderungen zuversichtlich. Dabei beruft sie sich auf ein Wort von Jean Jaurès, das sie besonders schätzt: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“
Und genau dieses Feuer möchte Luise Berroth auch weiterhin weitertragen, künftig in Luxemburg, geprägt von und dankbar für viele Jahre im Vogelsberg.
Verabschiedung von Pfarrerin Luise Berroth
Die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Lauterbach-Wartenberg lädt am Sonntag, den 21. Juni, zur Verabschiedung von Pfarrerin Luise Berroth und ihrer Familie im Rahmen eines Gemeindefests ein. Das Fest beginnt um 11 Uhr rund um die Michaelskirche Maar. Um 14 Uhr findet in der Kirche der offizielle Verabschiedungsgottesdienst statt. Zahlreiche Vereine und Gemeindegruppen beteiligen sich an der Gestaltung des Tages.