Haben Sie Lust, sich auf ein Gedankenexperiment einzulassen? Angenommen, Sie könnten eine neue Gesellschaftsordnung festlegen – was würden Sie tun? Sorgen Sie für ein gutes Einkommen für sich und Ihre Nachkommen? Machen Sie es so, dass Sie und ihre Freunde zu den Gewinnern gehören? Die Sache hat nur einen Haken: Sobald die Regeln des Zusammenlebens erlassen sind, fallen Sie tot um, und das ist Ihnen vorher auch bewusst. Das ist noch kein Anlass zur Sorge, denn sofort wachen Sie wieder auf – und zwar in einer Gesellschaft, die nun nach Ihren Regeln funktioniert. Hier entscheidet der Zufall entscheidet darüber, welcher sozialen Schicht Sie ab sofort angehören, ob Sie krank oder gesund sind, männlich oder weiblich – Sie verstehen die Idee! Denken Sie bitte kurz darüber nach, wie die Regeln in einer solchen Gesellschaft lauten würden.
Zurück in die Realität! Vermutlich machen Sie keine Gesetze. So, wie es die Demokratie vorsieht, haben wir Bürger/innen aber durchaus Gestaltungsspielraum. Und zwar ausgehend von einer Gesetzgebung, die mir im Grundsatz an Gerechtigkeit und Chancengleichheit orientiert zu sein scheint, auch wenn sicher Luft nach oben ist. Wahrscheinlich kommen Sie auch kein zweites Mal auf diese Welt. Trotzdem können Sie gesellschaftlich und finanziell aufsteigen. Ebenso gut können Sie aber auch völlig unverschuldet ihre Arbeit verlieren oder in gesundheitliche Schwierigkeiten geraten.
Es ist christliche Hoffnung, dass es nach dem Tod ein neues Leben bei Gott gibt, ohne Leid, ohne Angst, ohne Ungerechtigkeit. Was man umgangssprachlich oft als „Himmel“ bezeichnet, soll schon hier auf der Erde, in diesem Leben sichtbar werden. So hat es Jesus gepredigt und uns Menschen dazu aufgefordert, an der Umsetzung mitzuarbeiten. Wir können und sollen unsere Gesellschaft gestalten, uns gesellschaftlich engagieren und uns in den politischen Diskurs einbringen. Setzen wir uns konstruktiv für ein Miteinander und Gerechtigkeit ein, nehmen vielleicht einfach testweise mal die Perspektive des jeweils anderen ein? Oder lassen wir uns zu gesellschaftlicher Spaltung hinreißen, die meist auf Kosten derjenigen geht, die es im Leben schwerer haben? Sie haben die Wahl.
Von Carolin Braatz, Evangelisches Dekanat Vogelsberg, Referentin für Ökumene und Gesellschaftliche Verantwortung – inspiriert von John Rawls (1921-2002)